Mit dem Einrad auf einen Dreitausender

Im Sommer war ich mit Stephanie Dietze in den Dolomiten Muni fahren:

Lutz Eichholz aus Kaiserslautern zählt zu den besten Einradfahrern der Welt. Mit seinem Unicycle geht der vierfache Weltmeister und Weltrekordhalter an die Grenzen des Machbaren. Am liebsten sucht er sich seine Hindernisse und Herausforderungen in freier Natur. Jetzt bezwang der 26-jährige Student der Raum- und Umweltplanung, der schon in TV Sendungen von China bis Israel zu sehen war, mit seinem Einrad den 3000 Meter hohen Cima Ombretta Orientale in den Dolomiten. Begleitet wurde er dabei von der Einradfahrerin Stephanie Dietze, denn „im hochalpinen Gelände sollte man nie allein unterwegs sein.“ Hier die schönsten Impressionen vom Gipfelsturm und dem atemberaubenden Downhill mit dem Einrad.
Fotos: Markus Greber
Video: Action-Shot.tv

Rechts neben dem Wanderweg liegt  ein fast senkrechtes Geröllfeld. Genau  in dem Moment realisiere ich, dass ich bei einem Sturz definitiv nicht in diese Richtung fallen darf. Mein Kopf macht dicht und ich springe von meinem Einrad. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass mein Rad in Richtung Abgrund fliegt. An der Kante des Weges bleibt es aber zum Glück noch an einer Pedale hängen.

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie klein die Grenze zwischen Scheitern und Erfolg sein kann. Einen über 3000m hohen Berg in den Dolomiten mit dem Einrad herunterzufahren, ist auch nach über 16 Jahren extremen Einradfahrens noch eine große Herausforderung.

Vorherige Projekte wie eine Einradabfahrt der Zugspitze 2010 und die Überquerung der Alpen auf unbefestigten Wegen 2011 geben mir aber Zuversicht, dass ich genug alpine Erfahrung habe, um auch in den besonders felsigen und steilen Dolomiten eine solche Abfahrt zu wagen.

Doch bevor es an die Abfahrt geht, müssen wir erst einmal zum Gipfel kommen. Wir, das sind Stephanie Dietze und ich, Lutz Eichholz. Vom Rifugio Contrin aus geht es erst über liebliche Bergwiesen, dann durch schroffes Gelände immer weiter den Cima Ombretta Orientale hinauf. Die ersten Höhenmeter können wir teilweise noch auf unseren Einrädern fahren. Recht schnell wird es aber zu steil und technisch, so dass wir  auf „Wandern mit Einrad“ umsteigen. Die mächtige Südwand der Marmolada immer im Blick, versuchen wir kräftesparend nach oben zu kommen. Der Weg zeigt uns mit jedem Höhenmeter immer mehr, dass die Einradabfahrt alles von uns fordern wird.

Nach ungefähr zwei Dritteln der Strecke erreichen wir unser geplantes Nachtlager, das Biwak Bianco. Dort pausieren wir kurz und packen unsere Rucksäcke um, da wir auf dem Gipfel Schlafsäcke und Kocher nicht benötigen.Nach der Pause müssen wir feststellen, dass der Himmel aussieht, als ob wir doch nicht nur Glück mit dem Wetter haben werden. Über der Marmolada brauen sich dunkle Wolken zusammen. Ich bin mir nicht sicher, ob es noch sinnvoll ist, weiter bis zum Gipfel aufzusteigen. Letztendlich überwiegt aber die Vorstellung, im Licht der untergehenden Sonne auf dem  Gipfel zu stehen, für unseren Zeitplan ist es auch besser. Also entschließen wir uns doch weiter zu kraxeln, um noch am ersten Tag unseres Abenteuers den Gipfel zu erreichen.

Ein paar Minuten später habe ich Zweifel ich an meiner Entscheidung. Es gilt, den kurzen Klettersteig vor dem Gipfelgrad zu bewältigen. Das fällt es uns ziemlich schwer, da wir nur eine Hand am sichernden Stahlseil halten können, die andere Hand muss das Einrad tragen. Trotzdem bewältigen wir auch dieses Hindernis zügig und müssen feststellen, dass der immer stärkere Wind die gefühlte Temperatur trotz hervorragender Jacken deutlich unters Komfort-Niveau treibt.  Der schon sichtbare Gipfel motiviert uns auf den letzten Metern aber noch einmal richtig.

Am Gipfel angekommen, stellt sich ein großes Gefühl der Erleichterung ein. Die Wolken über der Marmolada sehen zwar immer noch bedrohlich nach Gewitter aus und viel Sonnenlicht gibt es auch nicht mehr. Der unvergessliche Ausblick macht aber alle vorherigen und kommenden Strapazen wieder gut.  Von jetzt an geht es nur noch bergab, das Größte für jeden Downhill-Einradfahrer.

Die ersten Höhenmeter zurück zum Biwak erweisen sich allerdings nicht nur als Vergnügen. Gerade direkt am Gipfel gilt es trotz Kälte und müden Muskeln hunderprozentig fokussiert und konzentriert zu bleiben, da es wenige Meter neben dem Trail Abgründe gibt, in die weder wir noch unser Einrad fallen sollten. Der steinige Weg macht jeden Meter der Abfahrt zum Abenteuer und fordert mich immer wieder bis an meine Grenze hinaus. Oft bin ich mir nicht sicher, ob ich die nächsten Meter fahren kann. Erstaunlicherweise klappt es gut und ich schaffe es, über mich hinauszuwachsen und gerade an den gefährlichen Stellen keine Stürze zu riskieren. Langsam komme ich in einen Flow, bei dem mir selbst schnelles Fahren wie Zeitlupe vorkommt und ich jeden Stein und jede Unebenheit wahrnehme und entsprechend reagieren kann.

Beim Einrad-Downhill muss der Fahrer jede Sekunde voll konzentriert sein, da jede Veränderung des Untergrunds ein Ausgleichen mit dem ganzen Körper erfordert. Durch den nicht vorhandenen Leerlauf, der ständiges Treten verlangt, merke ich in jedem Augenblick, über welche Unebenheiten, Steine oder Geröllansammlungen ich Rolle. Die starke mentale Belastung sorgt dafür dass es mir immer schwerer fällt mich zu konzentrieren. Das Biwak erreichen wir pünktlich mit den letzten Sonnenstrahlen. Todmüde und erschöpft fallen wir auf unsere Pritschen.

Am nächsten Morgen stehen  wir früh auf und machen uns in der morgendlich klaren Bergluft an den weiteren Teil der Abfahrt. Das Gelände verändert sich von rutschigen Dolomit Geröll zu rutschigen Lavasteinen. Immer wieder komme ich ins Schlittern. Was Spaß macht, aber auch sehr anspruchsvoll ist. Langsam wandelt sich die Landschaft vom felsigen Hochgebirge in grünere Gefilde und der Trail wird weniger steil. Er bleibt aber weiterhin sehr felsig so dass ich immer wieder etwas springen muss um die großen Felsbrocken zu überwinden.

Noch ist es schwer, überhaupt Einradzufahren, aber langsam merke ich, dass das Hauptproblem nicht mehr nur der schwer fahrbare Trail, sondern auch meine Kondition ist. Trotz täglichem Training spüre ich die extreme Belastung. Nur die Schönheit der Landschaft kann noch von den bleiernen, übersäuerten Muskeln ablenken. Endlich erblicken wir das Rifugio Contrin und machen noch einen letzten Endspurt, bevor es nach zwei Tagen physischer und psychischer Anspannung wieder in die Zivilisation mit Weizen Bier und Pasta geht.

Beim natürlich im Tal getrunkenen Gipfel-Halben begreife ich so langsam, das der Trip vorbei ist und alles geklappt hat. Bis auf ein paar kleinere Schrammen sind Steffi und ich unverletzt. Das ist erstmal das Wichtigste. Besonders Stolz macht es mich aber auch, das ich mein beschlossenes Ziel, mindestens 90 Prozent der Abfahrt fahrend zu bewältigen, erreichen konnte. Bis auf den kurzen Klettersteig und ein paar Meter vom Geröllfeld kurz nach dem Gipfel, bin  ich jeden Meter mit meinem Einrad vom Berg abgefahren.

Nach so vielen Jahren des extremen Einradfahrens bin ich froh ein Projekt abgeschlossen zu haben, was sowohl fahrtechnisch als auch konditionell alles von mir gefordert hat. Gerade das unvorhersehbare an hochalpinen Projekten reizt mich besonders und es gibt kein besseres Gefühl, als wenn man nach Vollendung eines Projektes wieder im Tal ist und die unvergesslichen Eindrücke der letzten Tage Revue passieren lassen kann.

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